{"id":168,"date":"2021-01-22T14:15:28","date_gmt":"2021-01-22T13:15:28","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.uni-koblenz.de\/fachbereich2\/?p=168"},"modified":"2021-01-22T14:15:28","modified_gmt":"2021-01-22T13:15:28","slug":"5-fragen-an-prof-dr-corinna-herr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp.uni-koblenz.de\/fachbereich2\/2021\/01\/22\/5-fragen-an-prof-dr-corinna-herr\/","title":{"rendered":"5 Fragen an &#8230; Prof. Dr. Corinna Herr"},"content":{"rendered":"<p>Die Musikwissenschaftlerin folgte im letzten Jahr dem Ruf an die Universit\u00e4t Koblenz-Landau ans Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Musikp\u00e4dagogik am Campus Koblenz. Seit 2019 ist sie Leiterin des DFG-Forschungsprojektes \u201eDarstellung und Rezeption klassischer Musiker*innen bei YouTube: Auff\u00fchrungs- und Lebenspraxen im digitalen Zeitalter\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Sie wurden in herausfordernden Zeiten an die Universit\u00e4t Koblenz-Landau berufen. Wie erleben Sie den Einstieg ins digitale Semester?<\/strong><\/p>\n<p>Was die digitale Lehre betrifft, konnte ich gl\u00fccklicherweise auf Erfahrungen aus einem Forschungsworkshop im Sommer zur\u00fcckgreifen. Sich dann jedoch mit wieder neuen Formaten und Plattformen vertraut zu machen, war nat\u00fcrlich eine Herausforderung. Durch diesen zeitlichen Mehraufwand hat die Forschung aktuell leider das Nachsehen. Aber die tolle Unterst\u00fctzung des Rechenzentrums, die guten Tools des Instituts f\u00fcr Wissensmedien und nicht zuletzt die gro\u00dfe Geduld der Studierenden haben mir den Start sehr erleichtert. So langsam l\u00e4uft alles rund. Problematisch bleibt jedoch die wachsende Frustration der Studierenden, die verst\u00e4ndlich ist. Ich bem\u00fche mich, zwischen asynchronen Arbeitsphasen und synchronen Onlinetreffen zu wechseln. So kann zumindest ein wenig pers\u00f6nlicher Austausch stattfinden, um dieser Frustration entgegenzuwirken. Doch obwohl es ein sehr ungew\u00f6hnlicher Einstieg war, freue ich mich sehr, hier zu sein. Eigentlich eben nicht hier in Bochum, sondern da in Koblenz. (lacht) Es macht mir nichtsdestotrotz sehr viel Spa\u00df und ich konnte die Kollegen und Kolleginnen wenigsten online schon ein bisschen kennenlernen. Das kann das Glas Wein am Abend in geselliger Runde nicht ersetzen, aber auch dazu werden wir irgendwann noch kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Von der Ausbildung zur Buchh\u00e4ndlerin zur Musikwissenschaft \u2013 erz\u00e4hlen Sie uns von Ihrem spannenden beruflichen Werdegang.<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausbildung zur Buchh\u00e4ndlerin war tats\u00e4chlich ein Sicherheitsnetz. Ich habe als Jugendliche meine Liebe zur klassischen Musik und zur Oper entdeckt. Andere spielen Luftgitarre, ich stand zu Hause auf der imagin\u00e4ren Opernb\u00fchne. Ich wollte alles \u00fcber diese tollen Werk wissen, das hei\u00dft, Musikwissenschaft war schon fr\u00fch mein Traum. Da ich aber aus einer nicht akademischen Familie komme und mir das doch als Orchideenfach vorkam, dachte ich, ich m\u00fcsste auch was Richtiges machen, so was Handfestes. Die Zeit w\u00e4hrend der Ausbildung habe ich dann tats\u00e4chlich auch genutzt, um Defizite des nordrhein-westf\u00e4lischen Musikunterrichts aufzuarbeiten. Ich nahm Klavierunterricht, \u00fcbte mich in Geh\u00f6rbildung und besch\u00e4ftigte mich mit Musiktheorie. Auch der Gedanke, die Ausbildung zur Buchh\u00e4ndlerin mit der Liebe zur Musik zu verbinden und beispielsweise in einem Musikverlag zu arbeiten, kam mir zwischenzeitlich. Dass ich mich dann doch f\u00fcr die Wissenschaft entschied, lag an meinem Auslandsaufenthalt im Studium und zwar am King\u2018s College London. Dort habe ich auch eine Gesangsausbildung begonnen. Das war f\u00fcr mich ein spannender und wichtiger Baustein und bereitete den Weg zu meinen Forschungen. Ich besch\u00e4ftige mich unter anderem mit gesangs\u00e4sthetischen Fragen von fr\u00fcher Neuzeit bis in die Gegenwart. Mit Fragen von Ausgrenzung, Einschluss und Geschlechterbinarit\u00e4ten, u. a. am Beispiel von Opern des 17. Und 18. Jahrhunderts. In meiner Habilitationsschrift setzte ich mich mit der hohen m\u00e4nnlichen Stimme auseinander, da geht es sowohl um Gesangs\u00e4sthetik als auch um Gender. Als ich aus England zur\u00fcckkam, war die Idee eines pragmatischen Berufes in einem Musikverlag einfach tot. Schlie\u00dflich hatte ich gro\u00dfes Gl\u00fcck, nach dem Magister ein Promotionsstipendium zu bekommen und ich konnte den Weg in der Wissenschaft trotz l\u00e4ngerer Durststrecken weitergehen.<\/p>\n<p><strong>In Ihrer Vita und ihren Forschungsschwerpunkten finden sich viele Bez\u00fcge zur Geschlechterforschung in Bezug auf Musikwissenschaft. Was fasziniert Sie an diesem Thema?<\/strong><\/p>\n<p>Bez\u00fcge zur Geschlechterforschung fanden sich schon fr\u00fch in meinen Fragestellungen. Vor allem die Zeit am interdisziplin\u00e4ren Graduiertenkolleg \u201eErkenntnisprojekt Feminismus\u201c pr\u00e4gte mich dahingehend sehr. Wir haben damals schon Donna Haraway gelesen. Da waren wir schon irgendwie am Puls der Zeit. Grunds\u00e4tzlich ist die Etablierung der Genderforschung in der Musikwissenschaft wie in vielen anderen Disziplinen auf das verst\u00e4rkte Interesse einzelner Personen in Gr\u00fcnder- und Sattelzeiten zur\u00fcckzuf\u00fchren, die sich im besten Fall auch institutionalisieren. So hat sich etwa in der Gesellschaft f\u00fcr Musikforschung vor 30 Jahren die Fachgruppe Frauen- und Gender Studien, fr\u00fcher Frauenforschung genannt, gegr\u00fcndet. Hier ging es anfangs prim\u00e4r um feministische Frauenforschung. Das war zugegebenerma\u00dfen nicht so mein Ding, weil die Opferrolle der Frau im Fokus stand. Es fing damit an, dass man nach Komponistinnen gesucht hat, wie etwa in der Literaturwissenschaft nach Autorinnen. Clara Schumann oder Fanny Hensel, um nur einige Namen zu nennen, waren stets Schwester von, Tochter von oder Ehefrau von, aber wurden nicht als eigenst\u00e4ndige Personen wertgesch\u00e4tzt. In meiner Promotion habe ich mich mit Medea-Opern im 17. und 18. Jahrhundert besch\u00e4ftigt. Eine Frau als Kindsm\u00f6rderin und Zauberin auf die B\u00fchne zu bringen, galt im 17. und 18 Jahrhundert als unerh\u00f6rt. Ein weiteres Forschungsthema ist Stimme und Geschlecht, wie in der schon genannten Habilitationsschrift zur hohen m\u00e4nnlichen Stimme, die in der Musikgeschichte 400 Jahre lang durch die Kastration (ja, wirklich!) von Jungen vor der Pubert\u00e4t hergestellt wurde. Musikwissenschaft kann also auch f\u00fcr die Geschlechterforschung ein ganz zentrales Feld darstellen und ist schon immer Teil meiner Forschungsarbeit.<\/p>\n<p><strong>Jemanden, in dessen Leben die Musik eine so gro\u00dfe Rolle spielt, muss ich das einfach fragen: Was ist Ihr Lieblingslied, warum und was verbinden Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p>Mit Lied kann ich tats\u00e4chlich nicht dienen. Die Musikwissenschaft versteht unter Lied etwas anderes als das, was allgemein darunter verstanden wird. Lied ist f\u00fcr uns das Kunstlied des 19. Jahrhunderts. Abgesehen davon kann ich mich als Musikwissenschaftlerin unm\u00f6glich auf ein Lied, St\u00fcck, Werk oder gar auf einen Komponisten oder eine Komponistin einschr\u00e4nken. Das geht gar nicht (lacht). Notfalls m\u00fcsste ich sagen Georg Friedrich H\u00e4ndel und seine Opern. Aufgewachsen bin ich mit Wagner, Verdi und Schubert. Ich liebe weltliche Vokalmusik, so kann ich es vielleicht am besten ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Was verbinde ich damit? Nun ja, in erster Linie Emotionen. Dabei dr\u00fcckt Musik nicht nur Emotion aus, sie bewirkt auch Emotion. Musik betrifft meine Existenz und ist f\u00fcr mich ein \u201eLebensmittel\u201c, emotionale Nahrung und tats\u00e4chlich existenzieller Bestandteil des Lebens.<\/p>\n<p>Entschuldigung, jetzt bellt gerade der Hund. Almira von H\u00e4ndel. Sie ist benannt nach Georg Friedrich H\u00e4ndels erster Oper.<\/p>\n<p><strong>Vor welchen Herausforderungen stehen die Geisteswissenschaften (an unserem Campus) in den kommenden Jahren Ihrer Meinung nach?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ja hier sozusagen in die Teilung der Universit\u00e4ten Koblenz und Landau hineingerutscht und in einem Fachbereich gelandet, den ich f\u00fcr sehr stark halte und den es weiter zu st\u00e4rken gilt. Ich glaube, die grundierende Funktion der Kulturwissenschaften verbindet, h\u00e4lt die Disziplinen zusammen und macht diese besondere St\u00e4rke aus. Die Geisteswissenschaften und insbesondere auch die kleinen F\u00e4cher \u2013 und ich bin Vertreterin eines wirklich sehr kleinen Faches \u2013 stehen nat\u00fcrlich auch vor besonderen Herausforderungen. Ich bin jedoch \u00fcberzeugt davon, dass wir das n\u00f6tige Potenzial haben, um durch Klasse statt Masse zu \u00fcberzeugen. Musik und Kulturvermittlung (auch in digitalen Medien) ist ein zentrales Thema, dessen sich der Fachbereich gl\u00fccklicherweise auch angenommen hat. Auf mein eigenes DFG-gef\u00f6rdertes Projekt \u201eDarstellung und Rezeption klassischer Musiker*innen bei YouTube: Auff\u00fchrungs- und Lebenspraxen im digitalen Zeitalter\u201c blicke ich auch als Musiksoziologin und sehe hier auch M\u00f6glichkeiten einer starken fachbereichs\u00fcbergreifenden Zusammenarbeit. Die Geistes- und Sozialwissenschaften besch\u00e4ftigen sich mit zentralen Fragen zur Entwicklung der Gesellschaft, wir haben etwas zu sagen und beizutragen. Ich blicke zuversichtlich in die Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Musikwissenschaftlerin folgte im letzten Jahr dem Ruf an die Universit\u00e4t Koblenz-Landau ans Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Musikp\u00e4dagogik am Campus Koblenz. 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