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Wolfwärts

Der Wolf – Raubtier, Symbolfigur, Rückkehrer. Als jagender Anpassungskünstler, Repräsentant des Mystischen und Wilden und pelziger Nachbar von Nebenan, weckt er große Emotionen. Diese werden jedoch häufig unter den Teppich gekehrt. Warum ist das so?

Ein Ethnologe untersucht die vielschichtigen Reaktionen der Deutschen auf den Wolf.

Auf den Spuren der Losung

Dr. Thorsten Gieser kniet auf dem Boden eines Waldweges und betrachtet eingehend eine bräunliche Substanz. Irgendwo, zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, inmitten kahler, moosbewachsener Bäume, scheint er auf etwas Interessantes gestoßen zu sein. Er nickt zaghaft und beginnt mithilfe eines herumliegenden Astes vorsichtig in dem Fund zu seinen Füßen herumzustochern.

Dann greift er nach einem Zollstock, der aus seiner rechten Jackentasche hervorlugt. Gründlich misst er die Länge und die Dicke der Substanz. Sein erneutes Nicken ist zunächst verhalten, dann entschlossener. „Das könnte die richtige Losung sein“, stellt er fest. „Konsistenz, Länge und Dicke stimmen“.

Mit dem Begriff Losung ist Tierkot gemeint, um genau zu sein Wolfskot. Dr. Gieser ist nämlich auf Spurensuche. Bei regelmäßigen Waldausflügen versucht er Losungen und Pfotenabdrücke von Wölfen, sogenannte Trittsiegel, zu finden.

Aber warum das Ganze? Der Ethnologe leitet seit Oktober 2019 ein Forschungsprojekt, das sich mit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland beschäftigt. Dieses wird von der Volkswagenstiftung im Rahmen der Initiative „Originalitätsverdacht – Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaft“ gefördert.

Im Fokus des Projekts stehen insbesondere die Gefühle, die der zurückgekehrte Wolf beim Menschen auslöst. Dr. Gieser, der speziell Mensch-Natur- sowie Mensch-Tier-Beziehungen untersucht, möchte diese identifizieren und näher unter die Lupe nehmen. Die Idee dazu kam ihm, weil Gefühle in öffentlichen Debatten um den Wolf ungerne thematisiert werden. Es wird zwar stets gesagt, dass der Wolf starke Emotionen wecke, mehr aber auch nicht.

Dieses Phänomen führt Dr. Gieser darauf zurück, dass Emotionen oft negativ behaftet sind. Sie gelten als Gegenpol zur Realität und Rationalität, weswegen sie häufig unterdrückt werden. Genau das findet er als Ethnologe jedoch problematisch. Seiner Meinung nach gehört Emotionalität zum Mensch-Sein mit dazu und lässt sich nicht wegrationalisieren.

“Man kann nicht betroffen sein und engagiert, wenn man keinerlei Emotionen bei dem Thema verspürt. Wenn man jetzt ein rein objektives und sachliches Interesse am Wolf hätte, was für einen Grund hätte man, sich da überhaupt zu engagieren, dafür oder dagegen?”

Thorsten Gieser

Für sein Forschungsprojekt bedeutet dies Folgendes: „Das Ziel ist es, das, was im Hintergrund immer mitschwingt, ab und zu mal ausbricht und die Leute dann auch überwältigt – diese Emotionen wollte ich zum ersten Mal kartieren, um zu zeigen: Das findet eigentlich alles statt und das müssen wir immer mit an Bord nehmen, wenn wir über Konflikte mit dem Wolf reden“.

Forschen im Feld

Bei Dr. Giesers Forschungsprojekt handelt es sich um eine ethnologische Feldforschung. Dementsprechend sucht Dr. Gieser das Gespräch mit Menschen, die aus verschiedenen Gründen mit dem Wolf in Berührung kommen. Dazu fährt er regelmäßig in die Wolfsregionen Lausitz und Westerwald, um mit Anwohner:innen, Jäger:innen oder Rissgutachter:innen zu sprechen.

Warum er zusätzlich in den Wäldern auf Spurensuche geht, erklärt er so: „Normalerweise gibt es eigentlich kaum Kulturwissenschaftler, die sich mit der Beziehung zwischen Menschen und Wölfen beschäftigen und sich auch für die Wölfe als lebendige Tiere interessieren. Ich versuche beides zu kombinieren und deswegen bin ich auch öfter in der Natur unterwegs, um ein Gespür für den Wolf als Lebewesen zu bekommen.“ 

Ethnologe Dr. Thorsten Gieser stellt sein Forschungsprojekt vor.

Beim Fund einer potentiellen Wolfslosung kontaktiert Dr. Gieser die jeweils zuständigen Großkarnivoren-Beauftragten. Dabei handelt es sich um ehrenamtliche Mitarbeiter:innen, die speziell von der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF) für die Identifikation von Wolfsspuren ausgebildet wurden.

Die Rückkehr des Wolfs machte diese Tätigkeit in Deutschland erst vor 20 Jahren wieder relevant. Sie ist insofern wichtig, als sie Hinweise über die Ausbreitung der Wölfe sowie die Populationsgröße der Rudel gibt. Darüber hinaus hilft sie bei der Unterscheidung von streunenden Hunden oder speziell Schäferhunden.

Der Wolf im Portrait

Insbesondere die Merkmale des Körperbaus und ihr äußeres Erscheinungsbild geben Wölfe als solche zu erkennen. So hat die Silhouette der Tiere eine gerade Rückenlinie und während des Laufs hängt die Rute (Schwanz) fast immer herunter. Die Ohren sind im Verhältnis recht klein. Ihre Form ist dreieckig und oben abgerundet.

Geprägt wird ihr äußeres Erscheinungsbild neben der Fellfarbe durch dunklere, seitlich hellere und weiße Partien am Kopf sowie am Kehlbereich. Die Augen haben eine hellbraune bis gelbliche Farbe und sind schräg angeordnet. Der Geruchssinn bei Wölfen ist durchaus bemerkenswert: Artgenossen und Beutetiere, hier vornehmlich Paarhufer, riechen sie bis auf zwei Kilometer Entfernung.

In Bewegung

Beschleunigen Wölfe ihren Gang, schaffen sie bis zu 12, bei kurzen Strecken sogar bis zu 50 Stundenkilometer. Diese Geschwindigkeit ist notwendig, denn Wolfsreviere können eine Größe von bis zu 200 Quadratkilometern besitzen. Wegen dieser Größe ist auch das markante Heulen zur Kommunikation mit Artgenossen nützlich.

Der Familienverband von Wölfen besteht meist aus den Elterntieren, den Welpen und den Jungtieren des Vorjahrs. Im Alter von ein bis zwei Jahren trennen sich die Wege der Jungtiere von der Familie. Nun suchen sie sich ein eigenes Revier und legen dabei beachtliche 80 Kilometer am Tag hinter sich.

Ausgewachsene Tiere benötigen bis zu 2 Kilogramm Fleisch täglich, können notfalls aber auch zwei Wochen lang fasten. Wie bei Hunden verschlingen auch Wölfe ihre Mahlzeit, und können dabei sogar bis zu 11 Kilogramm Fleisch auf einmal aufnehmen.

Auch wenn sich die Canis lupus lupus ihren ehemaligen Lebensraum zurückerobern, ist ihr Bestand dennoch sehr gefährdet. Daher gehören Wölfe zu den stark bedrohten Tierarten in Deutschland und genießen den höchsten Schutz im Artenschutzabkommen.

Erhitzte Gemüter

Der Wolf als artgeschütztes Tier wirbelt in der Gefühlswelt von deutschen Jäger:innen, Nutztierhalter:innen und Tierschützer:innen viel Staub auf. Während erstere sich über die Risse in ihren Herden und vom Rotwild echauffieren und dem Wolf seinen Schutz aberkennen wollen, möchten Tierschützer:innen und ökologische Jäger:innen das scheue Raubtier wieder als heimische und weitverbreitete Art etablieren.

Diese aufgewühlte Stimmung versucht Dr. Gieser in seiner Forschung festzuhalten. Dazu untersucht er folgende Gruppen und ihre Ansichten.

Die Streithähne

Zu den Wolfsbefürworter:innen gehören viele Tier- und Naturschützer:innen sowie sogenannte ökologische Jäger:innen. Obwohl diese den traditionellen Jäger:innen zahlenmäßig unterlegen sind, haben sie häufiger Vertreter:innen in staatlichen Institutionen. Aus diesem Grund, sagt Dr. Gieser, besitzen die ökologischen Jäger:innen mehr Entscheidungsmacht darüber, wie die Jagd in den von ihnen verantworteten Gebieten gestaltet werden solle. Sie stellen zur Debatte „ob Jäger überhaupt eine Beziehung haben sollen zum Wild, in irgendeiner Form. Oder, ob das Wild eben wild bleiben soll, das heißt unberührt von Menschenhand”.

Zu den Wolfsgegner:innen zählen eher traditionelle Jäger:innen und die Besitzer:innen von Weide- und Nutzvieh. Die Abneigung vieler traditioneller Jäger:innen gegenüber dem Wolf begründet Dr. Gieser mit dem langjährig aufgebauten Verantwortungsgefühl das Wild vor Raubwild schützen zu müssen. Ihr Bewusstsein als „aristokratische“ Erben der althergebrachten Jagd und ihr erworbenes Recht der Hege erschwerten die Verhandlung über eine Umstrukturierung der Jagd. Gleichzeitig stellt der Ethnologe fest, dass die Jagd als kulturelle Praktik auch dem Wandel unterliege und Jäger:innen sich damit auseinandersetzen müssten.

Währenddessen sehen viele Weide- und Nutztierhalter:innen ihre Herden durch den Wolf bedroht. Der Erhalt einer angemessenen Entschädigung durch den Bund im Schadensfall, spielt für sie hierbei oft keine große Rolle. Im Gegenteil: Häufig halten sie die Entschädigung und Förderung von wolfsabweisenden Maßnahmen für unzureichend. Stattdessen fordern sie Präventionsmaßnahmen wie die Eingrenzung der Wolfsrudel und die Etablierung wolfsfreier Zonen.

In Magazinen und Online-Foren werden Hinweise zu Wolfsvorfällen gelistet und als Beweise für die Notwendigkeit der Regulierung der Wolfspopulation gesammelt. Ab und an werden zudem tote Wölfe und Luchse gefunden, die von Wilderern oder Jäger:innen erschossen wurden. Ein Beispiel stellt hier der im Jahr 2012 getötete Westerwaldwolf dar, der mit einem Hund verwechselt wurde. 

Solche Vorfälle führen zu erhitzten Diskussionen innerhalb von Versammlungen, in denen über die Ansiedlung des Wolfes in einer bestimmtem Region gesprochen wird. Dr. Gieser erforscht hier, welche Emotionen erlaubt sind: „Man lernt auch viel darüber, was so die Normen des emotionalen Ausdrucks in unserer Gesellschaft heutzutage sind“.

Sensibilisieren statt Schlichten

Die Entschärfung des Konflikts liege jedoch nicht in Dr. Giesers Macht: „Da kann man als Wissenschaftler eigentlich in dieser persönlichen Beziehung, in diesem persönlichen Konflikt relativ wenig machen, glaube ich“, meint er. Sein Beitrag solle dafür sensibilisieren, politisch mit Emotionen in Bezug auf den Wolf differenzierter umzugehen, statt auf Sachlichkeit zu beharren.

„Und da glaube ich schon, dass ich da auch was bewirken könnte […]. Dass man drauf einwirken kann, wie sich die Konflikte in Zukunft entwickeln werden.“

Dr. Thorsten Gieser

Dr. Thorsten Gieser geht genauer auf die Ziele seiner Forschung ein.

Auf und ab

Es wird deutlich: die Forschung über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland ist ein andauerndes Projekt. Wie die meisten Forschungen, die sich lange hinziehen, hat auch dieses Projekt Höhen und Tiefen. Einen Tiefpunkt stellt beispielsweise Dr. Giesers enorme Abhängigkeit von Ansprechpersonen und Informanti:nnen dar. Es kommt nämlich häufig vor, dass potenzielle Bezugspersonen nicht an einer Zusammenarbeit interessiert sind.

In solchen Fällen, erzählt Dr. Gieser, muss er oft mehrmals anfragen, um ein Umdenken zu erzielen: „Es gibt alles, von Leuten die relativ einfach sind und auch Interesse haben, so ein bisschen ihre Erfahrung zu teilen. Und es gibt andere, die sich da sehr verschließen, weil sie einfach denken, dass das Thema zu konfliktgeladen ist“. Als sehr positiv beschreibt Dr. Gieser zum Beispiel seine Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Großkarnivoren-Beauftragten Willi Faber.

Ein Problem kommt selten allein…

Neben den Dynamiken der einzelnen Gruppen beeinflussen gesamtgesellschaftliche Phänomene wie Corona die Forschung: bei den Beobachtungen im Wald macht sich die Pandemie beispielsweise durch die vielen Spaziergänger:innen bemerkbar. Mehr Menschen in den Wäldern bedeuten mehr Stress für das Wild und nicht nur eine Belastung für die Tiere: Spuren und Trittsiegel, nach denen Dr. Gieser sucht, werden durch Wandergruppen oder E-Bikes schnell verwischt.

Durch zahlreiche Hunde gibt es dagegen viele Pfotenabdrücke, die leicht mit denen des Wolfes zu verwechseln sind. Besonders bei großen Hunden ist das der Fall, weswegen hier Details wie Form und Platzierung der Krallen zu berücksichtigen sind. 

Dr. Gieser erzählt von den Herausforderungen während der Forschung

Trotz dieser Hindernisse kann Dr. Gieser sein Projekt fortsetzen und sogar eine Verlängerung der Finanzierung erwirken. Gespräche mit einzelnen Beteiligten kommen durch seine Bemühungen zustande und auch die Beobachtungen in der Lausitz laufen weiter.

Demnächst findet Dr. Giesers Wolfsprojekt ein Ende. Seine nächste Forschung wird sich mit Wildschweinen befassen. Aber auch in Zukunft wird der Ethnologe weiter nach Wolfsspuren suchen, natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse.

Für andere Waldbesucher:innen gilt der Hinweis: Wolfsspuren sollten den zuständigen Großkarnivoren-Beauftragten gemeldet werden. Damit wird sichergestellt, dass die Fundstelle richtig vermerkt ist. Und für das Melden gibt es teilweise Belohnungen. Wie Dr. Gieser es scherzhaft erklärt: „Man kann aus Scheiße Gold machen!“.



Diese digitale Story wurde verfasst von den Kulturwissenschaftsstudent:innen Victoria Erschens, Jacqueline Larcher, Marcus Mengelkoch und Hanna Schroer von der Universität Koblenz-Landau.

Die Wolfsbilder wurden von Dr. Thorsten Gieser zur Verfügung gestellt.

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