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Hinter Kultur versteckt sich Papier

Kulturfabrik Koblenz

Als wir die die Treppen der Alten Burg hinaufsteigen, erwartet uns Judith Höhn-Engers bereits. Wir betreten einen Raum, der jede Menge Geschichten birgt. Als Historikerin ist sie für die archivische Detektivarbeit in Koblenz zuständig. Deshalb ist ihr Arbeitsplatz von Akten, Dokumenten und Aufzeichnungen längst vergangener Zeiten umgeben. In diesem Fall, aus einer Zeit, in der die Kulturfabrik noch in den Händen eines der größten Unternehmer lag. Die Rede ist von dem Unternehmen: M. Mayer Papierwaren-Fabrik und -Export. Die Überreste des Weltunternehmens bietet heute der Koblenzer Kulturfabrik ein Zuhause. Auch der Straßenname »Mayer-Alberti-Straße« erinnert an die besondere Vergangenheit und die bewegte Familiengeschichte der ehemaligen Besitzer.

Im März 2018 flattert eine Anfrage von den Nachkommen des letzten Firmeneigentümers auf Höhn-Engers Schreibtisch. Zunächst geht die Historikerin von einer alltäglichen Routineanfrage aus. Allerdings ändert sich ihre Meinung schnell:

„Was ich aber direkt gemerkt habe, war, dass diese Unternehmens- und auch Familiengeschichte Aspekte zu bieten hat, die weit über das Thema der Verfolgung, der Entrechtung, der Enteignung und schließlich auch des Zwangs zur Emigration hinausgehen.

(Judith Höhn-Engers)

Denn Familie Mayer-Alberti war jüdischen Glaubens. Die Maßnahmen des nationalsozialistischen Terrorregimes führten schließlich zur Vertreibung aus der Heimatstadt.

Ein Weltunternehmen in Lützel

Nicht nur die Familiengeschichte, nein auch die Unternehmensgeschichte hat sich gewaschen. Papierprodukte wurden in der Fabrik hergestellt und in alle Welt exportiert. „Tatsächlich war die Kuvertfabrik Mayer-Alberti über weite Strecken der größte und wahrscheinlich bedeutendste Arbeitgeber von Koblenz“. Zu Spitzenzeiten beschäftigte das Unternehmen um die 600 Angestellte. Wie am laufenden Band wurde die Produktion vorangetrieben. Dies seien Dimensionen, die in Koblenz ansonsten unerreicht bleiben, versichert die Historikerin. Überall auf der Welt waren die Produkte von M. Mayer gefragt. Das Unternehmen pflegte seine internationalen Kontakte und war sogar auf Weltausstellungen vertreten.

Bildnachweis: Messestand der Fa. M. Mayer anlässlich der Mittelrheinischen Industrieausstellung 1924, Stadtarchiv Koblenz FA 4,9 Nr. 1-93

„Zu dem Zeitpunkt als der Standort in Lützel akut wurde, war das schon ein Weltunternehmen.“

(Judith Höhn-Engers)

Aber wie kam es denn eigentlich zu dem Standort in Lützel?
Es sei, ganz platt gesagt, der Platzmangel gewesen. Das Unternehmen boomte und die Ansprüche wuchsen.
In Lützel gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts genügend freie Fläche, die Platz bot für eine neue, größere Fabrikanlage. An der Andernacherstraße, einer Ausfallsstraße aus Koblenz, hatte das Papierwerk ideale Anbindung an die Infrastruktur. Außerdem erleichterte der benachbarte Güterbahnhof den Vertrieb der Produkte in die ganze Welt. Somit wurde die Fabrikanlage im Jahre 1897 bezogen und in Betrieb genommen.

Bildnachweis: Archiv Familie Alberti

Das Ende einer Ära

Der neue Standort sollte dem Unternehmen jedoch zum Verhängnis werden. Als die Stadt 1944 angegriffen wurde, prasselten zahlreiche Bomben auf den Gebäudekomplex.

„Eigentliches Ziel der Angriffe war die Papierfabrik wahrscheinlich nicht“

(Judith Höhn-Engers)

Weil sich die Fabrik in direkter Nachbarschaft zur Kaserne befand, geriet sie in das Schussfeld der Allierten. Der Fokus lag eigentlich auf der Infrastruktur mit Bahnhof und Kaserne, wodurch Truppenbewegungen verhindert werden sollten. „Da hatte die „M. Mayer“ einfach Pech, dass sie in unmittelbarer Nähe war“.

Eine packende Familiengeschichte

Zum Zeitpunkt der Zerstörung waren die Mayer-Albertis schon nicht mehr Eigentümer des Werks. Umso mehr sich die Situation zuspitzte, desto weniger half die ehrwürdige Stellung des Unternehmens. Schließlich wurde die Situation zu heikel, weshalb die Familie eine Emigration nach England plante. Vorher sollten sie jedoch Opfer der Reichspogromnacht werden. Schließlich erfährt die Historikerin die genauen Umstände jener Nacht, in der Firmenbesitzer Franz Mayer-Alberti verhaftet wurde. Sein ältester Sohn Peter schilderte der Historikerin 81 Jahre später die Ereignisse. Damals war er noch ein kleines Kind.

Alle nötigen Unterlagen waren bereits vorbereitet. Außerdem war es der Familie möglich, ausreichende finanzielle Mittel nachzuweisen. Somit wurde Franz Mayer-Alberti die Ausreise nach England gewährt.

Heute leben die Nachkommen der Familie in England und Kanada. Als sie ihre Heimatstadt besuchen, empfängt Judith Höhn-Engers die Albertis. Bei einer solchen Forschungsarbeit bleibt ein emotionaler Bezug nicht aus. Es sind eben doch mehr als bloß alte Dokumente und Aufnahmen. Denn hinter diesen verstecken sich real existierende Menschen und ihre Schicksale.

So kann die Historikerin noch weitere faszinierende Aspekte der Geschichte von Familie Mayer-Alberti präsentieren:

Vergangene Zeiten, erhaltenes Flair!

„Da schließt sich der Kreis“ kommentiert Judith Höhn-Engers die Reaktion der beiden Brüder auf die heutige Kulturfabrik. Allerdings ist die Familiengeschichte nicht nur wegen des jüdischen Hintergrunds eine ganz besondere. Über Generationen hinweg kann ein großzügiges karitatives Engagement nachgewiesen werden. Dies ist wohl der Grund, weshalb die Albertis die heutigen Tätigkeiten der Kulturfabrik so sehr schätzen.
Auf der anderen Seite möchte auch die Kulturfabrik die Geschichte des Gebäudes aufarbeiten. Geplant ist eine Inszenierung mit dem Titel “Die Papierjungs”. 

Die gesamte Historie kann Judith Höhn-Engers erzählen, ohne sich zu verhaspeln. Sie stolpert weder über Jahreszahlen noch über die komplexen Zusammenhänge. Zuletzt möchte sie einen ganz besonderen Moment des Besuchs der Albertis in Koblenz mit uns teilen:

Als sie die Kulturfabrik betraten, wurden sogleich alte Erinnerungen geweckt. Denn das Flair der ehemaligen Papierfabrik ist, trotz all der Jahre, erhalten geblieben. Dieser Charakter macht die Kulturfabrik Koblenz zu einem ganz besonderen Ort. Seit nun mehr als 40 Jahren begegnen sich hier Kreativität, soziales Engagement und eine faszinierende Geschichte.

Wenn Sie noch mehr über die Kulturfabrik Koblenz erfahren möchten, dann schauen Sie sich gerne den Beitrag “Bühne frei!” an.

Weiterführende Links für Interessierte:

https://www.kufa-koblenz.de/

https://www.instagram.com/kufa_koblenz/

http://www.koblenzerjugendtheater.de/

https://stadtarchivkoblenz.wordpress.com/

https://www.uni-koblenz-landau.de/de/koblenz/fb2/ik

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